Gestern Sonntag, 10. Dezember 2006, ist Pinochet so gestorben, wie es vielen seinen Gegnern verwehrt blieb: Im Kreise seiner Familie.
Seit dem Infarkt Pinochets am 3. Dezember wurde in Chile darueber geraetselt, ob Pinochet ein Staats- oder “nur” ein Militaerbegraebnis erhalten wuerde. Die Praesidentin wehrte diese Frage mit der Begruendung ab, sie wuerde nicht ueber die Beerdigung noch lebender Personen reden. Nach dem Tod Pinochets wurde dann entschieden, dass der fruehere Diktator ein Militaerbegraebnis bekomme, denn er sei kein demokratisch gewaehlter Praesident gewesen. Unbestritten hingegen ist, dass er 25 Jahre oberster Militaer gewesen ist und sogar 1973 vom damaligen Praesidenten Allende in dieses Amt gehievt wurde.
Dass die Praesidentin Bachelet keine Freundin Pinochets war, ist klar. Sie und viele ihre damaligen Freunde wurden nach dem Staatsstreich gefoltert. Was aber nicht stimmt, ist dass ihr Vater vom Regime zu Tode gefoltert wurde – das konnte ich gestern in mehreren deutschsprachigen Nachrichtenseiten lesen. Bachelets Vater war Militaer unter Allende, weigerte sich aber, Pinochet zu folgen. Er wurde inhaftiert und starb im Gefaegnis an einem Herzinfarkt – also an einem natuerlichen Tode. (Auch wenn das zugegebenermassen zynisch klingt.)
Die Reaktionen der Leute hier war gespalten: Auf der einen Seite gab es Anhaenger, die den Verlust ihres “Padres”, den Retter des Vaterlandes beklagten und beweinten. Fuer viele Chilenen ist er der Begruender des “modernen Chiles” und ohne ihn waere Chile heute ein sozialistischer Staat wie Cuba. Allerdings haben sich zuletzt einige Anhaenger von Pinochet abgewendet, als auskam, dass er mindestens 27 Mio. US$ auf auslaendische Konten transferiert hat. So wurde ihre Illusion des vaterlandsliebenden Soldaten zerstoert.
Dann gab es natuerlich auch die andere Seite, die den Tod mit Champagner trinken und Hupkonzerten feierten. Wie immer kam es bei den Demonstrationen zu gewaltsamen Aussschreitungen, da sich immer auch Delinquenten unter die Demonstranten mischen und randalieren um des Randalierens willen.
Viele Chilenen sind aber hin- und hergerissen zwischen Wut und Trauer darueber, dass Pinochet nie fuer seine Taten verurteilt wurde. Auch fuer eine Entschuldigung ist es nun definitiv zu spaet – auch wenn es eine Illusion war, darauf zu hoffen. Fuer den Exdiktator waren Werte wie Menschenrechte oder Demokratie nur “Ideen oder Experimente der Marxisten”. Er selbst sagte noch 2002, dass er absolut ein ruhiges Gewissen ueber die Vergangenheit habe.
In diesen Tagen zeigt sich aber auch der Komplex der Chilenen. Durch die Geografie fuehlen sie sich an den Rand der Wahrnehmung der Welt gedraengt und ringen dauernd um Anerkennung. Dreht sich das Scheinwerferlicht der Wahrnehmung der Welt auf Chile, lamentieren sie hingegen, dass nun sowieso nur Negatives wie Diktatur oder Folter hinausgetragen wird.