Archive for March, 2007

Der Tag des jungen Kaempfers

Saturday, March 31st, 2007

Bei uns wird ja jeden Tag von 9 bis 19 Uhr gearbeitet. Muss man mal auf ein Amt oder eine Bank, hat man gar keine andere Wahl, als waehrend der Arbeitszeit mal kurz zu verschwinden, spaeter anzufangen oder frueher zu gehen.

Deshalb fand ich das gar nicht so ungewoehnlich, dass sich letzten Donnerstag der erste schon um 17 Uhr verabschiedete. Als ihm dann aber bis 1730 Uhr fast alle anderen folgten, fand ich das schon ein bisschen komisch. Ich habe dann mal gefragt, was denn heute los sei.

Junge Kaemper

Der 29. Maerz ist der Tag des jungen Kaempfers (Día del Joven Combatiente), an dem (wie am 11. September) grosse Ausschreitungen in ganz Chile zu befuerchtet werden. Deshalb beenden alle Santiaguinos ihre Arbeit frueher als sonst, um noch vor dem grossen Chaos zu Hause anzukommen.

Ich ging dann auch etwas frueher nach Hause als ueblich. Die Mitarbeiter zeigten sich ganz besorgt, denn bereits war die Metrostation Santa Lucía wegen Aussschreitungen gesperrt – ca 500 Meter von meiner Wohnung weg. Bei mir war aber alles ganz ruhig – Ausser dass es sich fast ein wenig anfuehlte wie vor einem Krieg: Alle Laeden geschlossen und verbarrikadiert. Und in den wenigen Laeden, die geoffnet hatten, draengten sich die Leute und rissen sich Brot und Wasser aus den Haenden.

Kuenstler

Am 29. Maerz wird den Todesfaellen von Eduardo und Rafael Vergara Toledo gedacht, die an diesem Tag 1985 von Carabineros umgebracht wurden. So wie ich das in den Nachrichten verstanden habe, weiss die Polizei, wer die beiden getoetet hat, es ist aber nie zu einer Verurteilung gekommen. Die beiden jungen Maenner sind zu Symbolen im Kampf gegen die Militaerdiktatur geworden, denen nun alljaehrlich gedacht werden.

Steinewerfer

Solche Tage nutzen auch andere Gruppierungen, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen: Aerzte und Pfleger sowie Professoren wollen mehr Lohn und weniger Arbeitsstunden, viele Leute sind immer noch unzufrieden mit Transantiago und natuerlich kriechen alle Delinquenten aus ihren Loechern, nur um einfach Steine gegen Polizisten zu werfen.

Festgenommen

Die Polizei meldete am Tag danach 857 Festnahmen, ueber 60% davon Minderjaehrige.

Koepfe rollen

Tuesday, March 27th, 2007

Nach dem Desaster von Transantiago sind nun Konsequenzen gezogen worden: Neben zwei anderen Ministern (Verteidigung und Justiz) muss auf Befehl der Praesidentin Bachelet auch der Chef des Transportministeriums – Sergio Espejo – zuruecktreten.

Bericht im Tagi.

¿Cachaí, huevón?

Tuesday, March 27th, 2007

Ich wurde ja gewarnt: Wenn du spanisch lernen willst, gehe nicht nach Kuba, Argentinien oder ….Chile. Aber ich wollte ja nicht hoeren. Der Trost: Wenn man die Chilenen versteht, versteht man alle Lateinamerikaner.

Der Slang ist hier ziemlich extrem und nicht nur fuer die Gringos schwer zu verstehen. Ein Beispiel: Die Lateinamerikaner moegen ihre Telenovelas (Seifenopern) und kolumbianische und vor allem venezuelanische Serien werden in Laendern des ganzen Kontinents gezeigt. Die Chilenen koennen ihre Serien allerdings nicht exportieren, da sie in den anderen Laendern ganz einfach nicht verstanden werden.

Die Chilenen reden schnell, verschlucken die Wortendungen, sprechen das “s” nicht aus und benutzen eigene Woerter, die von der Sprache der Ureinwohner (die Mapuche) stammen.

Da sie wie gesagt die S nicht aussprechen, kann es allerdings zu Missverstaendnissen kommen. Die Verbformen der zweiten und dritten Person Singular unterscheiden sich im Spanisch nur durch das Endungs-S. Da die Verbform der dritten Person Singular ausserdem fuer die Hoeflichkeitsform verwendet wird, wuerde man also nicht wissen, ob ein Chilene einen nun duzt oder siezt.

Ein Beispiel: Haben (sp. Tener). Du hast : tú tienes; Er hat (auch fuer Hoeflichkeitsform): el, usted tiene.
Im Spanischen spricht man meistens die Woerter wie ich, du etc nicht aus, da es von der Verbform her klar ist, welche Person gemeint ist. Wenn man aber wie die Chilenen die S nicht ausspricht, haette man hier ein Problem.

Das wird so geloest, dass man in der Du-Form einfach ein i statt eines s ausspricht, eben statt tienes -> tení. Oder quieres -> querrí. Deshalb wird man hier nicht gefragt: ¿Cómo estás? (Wie geht es dir?) Sondern: ¿Cómo estaí?

Das Verb, das in der Kommunikation zwischen Chilenen allerdings am haeufigsten gebraucht wird, ist cachar – oder in der zweiten Person Singular: ¿Cachaí? Cachar kommt aus dem Englischen to catch und kann auf schweizerdeutsch mit Tscheggsch es? uebersetzt werden, das ja ebenfalls aus dem Englischen stammt.

Viele Chilenen schliessen praktisch jeden Satz mit “…,¿cachaí?” oder “…,¿cachaí, huevón?” ab. Aber was bedeutet denn nun “huevón”?

Huevón hat so viele Bedeutungen, man koennte fast ein eigenes Buch ueber diesen Begriff schreiben. Huevón kann ein Freund sein, aber auch ein Idiot oder aber auch nur ein x-beliebiger Typ. Also immer schoen auch auf die nonverbale Kommunikation achten, damit man merkt, was der andere nun mit Huevón gemeint hat. Ausserdem gibt es noch unzaehlige mit Huevón zusammengesetzte Begriffe – die aber meistens nicht stubenrein sind.

Preise und Loehne

Saturday, March 17th, 2007


Ihr wisst nun ja, wie viel ich verdiene. Aber wie viel wert ist denn nun der Lohn? Eine Frage, der ich nachgehen wollte.

Da traf es sich gut, als Publimetro – eine Pendlerzeitung – hier titelte: “Santiago auf Platz 7 der Staedte weltweit, in denen am meisten gearbeitet wird.” Die Zeitung analysierte den Bericht “Preise und Loehne” der UBS. So fanden sie raus, dass in Santiago 2077 Stunden pro Jahr gearbeitet wird. Und es ist wirklich hart: Es wird beispielsweise am 2. Januar, am Ostermontag oder auch am 26. Dezember gearbeitet. Seit 2005 gibt es immerhin die 45-Stunden-Woche, vorher lag die woechentliche Arbeitszeit bei 48 Stunden.

Auf ungefaehr gleichem Niveau liegen auch andere lateinamerikanische Staedte wie Buenos Aires (2053h) oder Bogotá (2065h). Spitzenreiter sind die Asiaten: Seoul “gewinnt” die Kategorie mit 2317 Stunden, das sind ueber 50 Stunden pro Woche. Es folgen Hongkong (2231h), Mumbai (2205h), Taipeh (2143h) und Dehli (2121h). In Europa wird im Durchschnitt 1687 Stunden pro Jahr (oder 39 pro Woche) gearbeitet, in Zuerich sind es 1808 Stunden.

Der Warenkorb

Im weiteren werden Preisniveaus auf Grund eines standardisierten “Warenkorbes”, der aus 95 Guetern und 27 Dienstleistungen besteht, untersucht. Die UBS hat den Preis, der der Warenkorb in Zuerich kostet, als 100% definiert. Die gleichen Sachen kosten somit in Santiago ungefaehr 60% des zuercher Warenkorbes. Santiago findet sich damit auf etwa gleichem Niveau wie Warschau, Rio de Janeiro oder Moskau und ist damit teurer als Budapest und Prag – und ist circa 50% teurer als Buenos Aires. Am teuersten ist der Einkauf in Oslo, London und Kopenhagen.

Das Lohnniveau

Wenn die Sachen hier also 60% soviel kosten wie in der Schweiz, muesste ich also auch drei Fuenftel eines schweizer Lohnes kriegen – oder eigentlich mehr, ich arbeite ja schliesslich 300 Stunden mehr pro Jahr als ein Arbeitnehmer in der Schweiz. Aber weit gefehlt, der Durchschnittslohn betraegt nur gerade 20% des Durchschnittslohnes der Schweiz. In Prag, Sao Paolo oder Moskau verdient man etwa gleich viel.

Die Binnen-Kaufkraft

Mit dem Preis des Warenkorbes und des Lohnes kann man nun genau sagen, was das verdiente Geld auch wirklich wert ist. Die Kaufkraft eines Chilenen betraegt knapp 38% der schweizerischen Kaufkraft, wenn man den Netto-Jahreslohn betrachtet. Santiago liegt damit auf dem Niveau von Prag oder Lissabon. Ein Schweizer kann sich den “Warenkorb” 13 Mal kaufen, ein Jahreslohn in Suedamerika reicht dagegen fuer 5 Koerbe.

An dieser Stelle darf natuerlich der Big-Mac-Index nicht fehlen: Wie lange muss man arbeiten, damit man sich einen Big Mac kaufen kann? In Santiago muss 56 Minuten gearbeitet werden, fast vier Mal laenger als in Zuerich (15 Minuten). Das weltweite Mittel liegt bei 35 Minuten. Nicht erstaunlich ist, dass in den USA am kuerzesten dafuer gearbeitet werden muss, waehrend in Nairobi oder Lima erst nach eineinhalb Stunden das benoetigte Geld beisammen ist!

Auch ein Kilo Brot muss man sich in Santiago (32 Minuten) haerter erarbeiten als in Zuerich (10 Minuten). Schaut man die Grundnahrungsmittel an, betraegt deren Preis ungefaehr 50% der schweizerischen Preise. Man kauft in Santiago etwa gleich teuer ein wie in Moskau oder Bangkok.

Eine komplette Herrengarderobe (Anzug, Jacke, Hemd, Jeans, Socken und Schuhe) kostet in Zuerich 870 Euro, in Santiago blaettert man 500 Euro hin was ungefaehr dem weltweiten Mittel entspricht. Will man sich hier mit Kuehlschrank, Farbfernsehgeraet, Digitalkamera, Buegeleisen, Staubsauger, Bratpfanne, Foehn und PC eindecken muss man 85% des Preises hinlegen, fuer den man die gleichen Sachen auch in der Schweiz bekaeme!

Die Durchschnittsmiete einer Wohnung liegt bei 430 Euro und damit bei ungefaehr einem Drittel der zuercher Durchschnittsmiete. Man wohnt hier etwa gleich guenstig wie in Prag, Warschau oder Dehli.

Autofahren ist relativ teuer. Die Autos kosten etwa die Haelfte wie in der Schweiz, die Steuern dafuer sind aber fast gleich hoch wie in der Schweiz. Ein Liter Benzin kostet etwa 1 Franken 30 Rappen. Was Ausfluege auch teuer macht: Die Mautstellen. Auf dem Weg ans Meer nach Valparaiso (120 Kilometer) passiert man zwei oder drei dieser Bezahlstationen und jedesmal werden zwischen 2.50 bis 5 Franken faellig, was sich dann bei Hin- und Rueckweg zu etwa 20 bis 25 Franken summiert.

Restaurant und Hotel

Ein Dreigaenger ohne Getraenke in einem Restaurant kostet in Santiago 28 Euro und liegt damit genau im Durchschnitt aller untersuchten Weltstaedte. In Zuerich ist es mit 39 Euro natuerlich teurer, aber immer noch billiger als in Tokio (64 EUR) oder London (53 EUR). Eine Nacht in einem Hotel in Santiago kostet durchschnittlich 70 EUR und damit genau die Haelfte einer Nacht in einem zuercher Hotel.

Ein Wochenendaufenthalt (fuer zwei Personen; eine Uebernachtung, zwei Abendessen, Verkehrsmittel und verschiedene kleine Ausgaben) in Santiago ist fuer 410 EUR zu haben, 70% des Preises, den man in Zuerich ausgeben wuerde. Am teuersten in so ein Wochende in Tokio oder London.

Loehne und Abgaben

In Zuerich verdient man im Durchschnitt 17 EUR netto pro Stunde, ueber fuenf mal mehr als in Santiago mit 3.20 EUR. Die Steuern und Sozialabgaben sind vergleichbar (ZH: 25%, Stgo: 23%).

Hier noch ein paar Durchschnittsloehne (Netto in EUR):

  Zuerich Santiago
Automechaniker 28200 6200
Bauhandlanger 24000 4500
Arbeiterinnen 24900 5100
Ingenieure 51100 14100
Abteilungsleiter 68900 13800
Volksschullehrer 43000 6000
Buschauffeure 44300 5700
Koeche 30700 10500

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Tuesday, March 13th, 2007

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