Bei uns wird ja jeden Tag von 9 bis 19 Uhr gearbeitet. Muss man mal auf ein Amt oder eine Bank, hat man gar keine andere Wahl, als waehrend der Arbeitszeit mal kurz zu verschwinden, spaeter anzufangen oder frueher zu gehen.
Deshalb fand ich das gar nicht so ungewoehnlich, dass sich letzten Donnerstag der erste schon um 17 Uhr verabschiedete. Als ihm dann aber bis 1730 Uhr fast alle anderen folgten, fand ich das schon ein bisschen komisch. Ich habe dann mal gefragt, was denn heute los sei.

Der 29. Maerz ist der Tag des jungen Kaempfers (Día del Joven Combatiente), an dem (wie am 11. September) grosse Ausschreitungen in ganz Chile zu befuerchtet werden. Deshalb beenden alle Santiaguinos ihre Arbeit frueher als sonst, um noch vor dem grossen Chaos zu Hause anzukommen.
Ich ging dann auch etwas frueher nach Hause als ueblich. Die Mitarbeiter zeigten sich ganz besorgt, denn bereits war die Metrostation Santa Lucía wegen Aussschreitungen gesperrt – ca 500 Meter von meiner Wohnung weg. Bei mir war aber alles ganz ruhig – Ausser dass es sich fast ein wenig anfuehlte wie vor einem Krieg: Alle Laeden geschlossen und verbarrikadiert. Und in den wenigen Laeden, die geoffnet hatten, draengten sich die Leute und rissen sich Brot und Wasser aus den Haenden.

Am 29. Maerz wird den Todesfaellen von Eduardo und Rafael Vergara Toledo gedacht, die an diesem Tag 1985 von Carabineros umgebracht wurden. So wie ich das in den Nachrichten verstanden habe, weiss die Polizei, wer die beiden getoetet hat, es ist aber nie zu einer Verurteilung gekommen. Die beiden jungen Maenner sind zu Symbolen im Kampf gegen die Militaerdiktatur geworden, denen nun alljaehrlich gedacht werden.

Solche Tage nutzen auch andere Gruppierungen, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen: Aerzte und Pfleger sowie Professoren wollen mehr Lohn und weniger Arbeitsstunden, viele Leute sind immer noch unzufrieden mit Transantiago und natuerlich kriechen alle Delinquenten aus ihren Loechern, nur um einfach Steine gegen Polizisten zu werfen.

Die Polizei meldete am Tag danach 857 Festnahmen, ueber 60% davon Minderjaehrige.