Am 10. Februar hat sich das Gesicht von Santiago veraendert: Die Strassen von Santiago wurden von ueber 8000 Bussen – den sogenannte Micros – dominiert. Vor knapp drei Wochen nun wurde das neue Konzept fuer den oeffentlichen Verkehr, Transantiago, eingefuehrt. Die Busflotte wird dabei auf 5000 Busse reduziert und das Netz der Metro vergroessert. Ausserdem duerfen neu nur noch Busse verkehren, die die Abgasnorm Euro III erfuellen. Mit dem neuen Konzept hofft man, den Verkehrs- und Smogproblemen Einhalt bieten zu koennen.
Die Gruende fuer die Einfuehrung eines neuen Verkehrskonzeptes
Wie viele andere Grossstaedte in Suedamerika entgeht auch Santiago nicht den typischen Problemen: Die Leute leben in den Randgebieten, aber Wirtschafts-, Universitaets- und Unterhaltungsaktivitaeten finden im Zentrum statt. Die steigende Einwohnerzahl, die Gebietserweiterung, die Entwicklung des Transports und die Industriealisierung zeugen von einem noch nie dagewesenen Wachstum der Stadt.
Wenn man die Einwohner Santiagos nach einer Beurteilung der Oeffentlichen Dienstleistungen befragte, landete der staedische Busverkehr regelmaessig auf dem letzten Platz. Trotz einer Flotte von 8000 Bussen, einer grossflachigen Deckung (es ist moeglich, die Stadt in einem einzigen Bus zu durchqueren und nur 18% der Fahrten machen ein Umsteigen erforderlich), hoher Zugaenglichkeit (98% der Einwohner wohnen weniger weit als 800 Meter von einer Haltestelle entfernt) und einer hohen Servicefrequenz (die durchschnittliche Wartezeit liegt unter 4 Minuten) und dies zu einem Pauschaltarif von ungefaehr 90 Rappen.
Andererseits erleichtert das Wirtschaftswachstum den Erwerb von Autos fuer den Privatgebrauch: Es gibt fast eine Million Autos in Santiago! Das alles fuehrt zu einer staerkeren Verschmutzung, mehr Verkehrsstaus und einem hoeheren Energieverbrauch.
Das alte Verkehrsmodell
Das alte Verkehrsmodell wurde in den Neunziger Jahren eingefuehrt und mittels Ausschreibungen an private Unternehmen ein freies Marktsystem geschaffen, dessen Ergebnis eine Verbesserung der Frequenz war. Es fuehrte aber auch zu einem unkontrollierten Wachstum der Busflotte, mehr Staus, mehr Verschmutzung und laengeren Fahrzeiten.
Das Verkehrssystem wurde im Jahr 2000 von ueber 3000 Kleinstunternehmen betrieben. Die meisten dieser Unternehmer besassen einen oder zwei Busse. Meistens war also der Busfahrer auch der Besitzer des Busses was bedeutet, dass sein Lohn direkt von der Anzahl befoerderter Passagiere abhieng. Dies fuehrte zu Wettfahrten auf der Strasse auf der Jagd nach Passagieren.
So habe ich schon haeufiger erlebt, dass der Busfahrer meinen Anhaltsbefehl ignoriert hat und einfach weitergefahren ist und mich erst aussteigen liess, als er neue Gaeste am Strassenrand sah, die einsteigen wollten. Es kann auch passieren, dass man gleichzeitig drei Busse an einem vorbeidonnern sieht, weil sich die Busfahrer an einer folgenden Haltestelle mehrere Passagiere erhoffen und deshalb da die ersten sein wollen.
Bezahlt wurde immer in bar und da die Fahrer deshalb immer eine Menge Bargeld mit sich fuehrten, waren sie auch hauefig Opfer von (teilweise toedlichen) Raubueberfaellen.
Das Busfahren war also alles andere als sicher, dazu waren die gestressten Busfahrer haeufig unfreundlich zu den Passagieren.
Das Projekt Transantiago
Der Plan legt die Gestaltung und die Einfuehrung eines echten Oeffentlichen Verkehrssystems fest, das auf der U-Bahn, Qualitaetsbussen mit getrennten Fahrstreifen, einem intelligenten Zahlungssystem mit Tarifverbund und einer Benutzerinformation beruht. Die Stadt wird in Zonen unterteilt und diese Zonen werden nur an jeweils ein Unternehmen vergeben, was Konkurrenzsituationen auf den Strassen wie bisher vermeiden sollen. Das Streckennetz wurde voellig modifiziert.
Vorher mussten 85% der Fahrgaeste nicht umsteigen, 15% nur einmal. Mit Transantiago werden nun nur noch 50% ohne Umsteigen reisen koennen, 40% werden einmal, 10% zwei Mal umsteigen muessen.
Ebenfalls wird ein Behlohnungs-/Bestrafungssystem eingefuehrt: Die Betreiber muessen eine Busse bezahlen, wenn sie erwischt werden, wenn sie mit offenen Tueren fahren oder Passagiere an nicht offiziellen Haltestellen ein- oder aussteigen lassen. Andererseits koennen sie Geld aus diesem Fonds bekommen, wenn sie bei Passagierumfragen gut abschneiden.
Die Einfuehrung
Als Tag der Einfuehrung wurde der 10. Februar gewaehlt, ein Tag inmitten des Hochsommers und deshalb die Zeit, in welcher viele Chilenen in den Sommerferien sind und deshalb weniger Anspruch auf den oeffentlichen Verkehr besteht.
Und es kam, wie es kommen musste: Ein voelliges Chaos. Einige Busbetreiber waren mit den Bedingungen nicht einverstanden und bestreikten den Start. So kam es, dass nur etwa 2000 Busse statt wie vorher 8000 in den Strassen verkehrten. Ausserdem wurde das Netz so radikal geaendert, dass viele Pendler keine Ahnung hatten, wie und welche Busse sie zu benutzen haben. Das vermehrte Umsteigen fuehrte ausserdem dazu, dass die wichtigen Knotenpunkte voellig ueberfuellt waren mit Menschen. In der Folge draengten sich viel zu viele Passagiere in die Busse was zu Bildern fuehrte wie wir sie aus Indien kennen. Viele waren aber auch einfach veraergert, weil sie ueber eine Stunde auf einen Bus warten mussten, der ihnen Platz bot. Es musste Polizei aufgeboten werden, die die Menschenmassen in Schach hielt.
In den Aussenquartieren kam es zu Protesten mit brennenden Barrikaden.
Die Medien machen aber auch einen auf Panik indem sie nun seit knapp drei Monaten Fehler und Missstaende aufzaehlen und dauernd unzufriedenen Kunden eine Plattform bieten. Im Fernsehen oder in den Zeitungen kommen immer nur Leute zur Sprache, die ueber Transantiago jammern. Ich habe noch nie jemanden gehoert, der sich zufrieden zeigte.
Schlussendlich hatte sogar Praesidentin Bachelet ihre Sommerferien abgebrochen wegen des Chaos von Transantiago. Es wurde beschlossen, dass zu Stosszeiten mehr Busse fahren sollten und die Metro ihren Betrieb auf 0600 bis 2400 (vorher 0630 bis 2230) ausweiten solle.
Es wird interessant sein, zu schauen, wie sich das weiterentwickelt. Chile hat sich das Verkehrssystem von Bogotá, Kolumbien als Vorbild genommen, was ebenfalls mit grossen Problemen gestartet ist, heute aber als Vorzeigeprojekt in Sachen oeffentlicher Verkehr gilt.
Ich hoffe auf einen Erfolg von Transantiago, denn die alten Micros (Busse) gehoerten zwar so etwas wie zur Identitaet der Stadt, waren aber auch fuer einen grossen Teil des Smogs, Laerms, Staus und Unfaelle verantwortlich.