Archive for July 4th, 2007

Termas de Chillán

Wednesday, July 4th, 2007

Da am 2. Juli in Chile nicht gearbeitet wird (St. Peter und Paul), stand ein langes Wochenende auf dem Programm.
Wir beschlossen, diese drei Tage im Sueden – im Skigebiet Termas de Chillán – zu verbringen. Fuer meine Freundin Paola sollte es das erste “richtige” Mal im Schnee werden und sie hatte grosse Lust, snowboarden zu lernen.

Chillán liegt etwa 400 Kilometer suedlich von Santiago und das Skigebiet – auf einem Vulkan gelegen – gilt als eines der schneesichersten von Suedamerika. Gleich zu Beginn des Tages wurde mir der Unterschied zwischen den Anden und der Alpen bewusst: Morgens um 9 Uhr wurden schon 12 Grad Celsius auf einer Hoehe von 1800 MuM gemeldet – und wir befinden uns am Anfang des Winters!

Zuerst ging es darum, fuer Paola die Ausruestung zu organisieren. In der Talstation konnte man allerdings nur Skis mieten, Snowboards gibt es nur in der Mittelstation. Also Skipass gekauft und auf den Sessellift. Aber dann wollten sie uns nicht auf den Lift lassen: Ohne Ausruestung duerfe man den Lift nicht benutzen! Als ich den Angestellten fragte, wie man denn bitte ein Snowboard mieten koennte, wenn man gar nicht raufkomme. Darauf meinte er, ich muesste (ich hatte ja mein Snowboard mitgebracht) rauf, fuer Paola das Board mieten und runterfahren. Nach riesenlangen Diskussionen wurde ihnen wohl der Radau zu bunt und fragten irgendwelchen Vorgesetzten, der uns dann trotzdem erlaubte, den Lift ohne Ausruestung zu benutzen… Und was soll ich sagen: Wir haben es trotzdem ueberlebt.

Paola bei den ersten Versuchen

Paola stellte sich als Naturtalent heraus und machte schnell Fortschritte beim Boarden. Sie hatte viel Energie und nach wenigen Stunden wollte sie auch schon den Sessellift benutzen und uebte auf eigene Faust. Ich nutzte die Zeit und ueberwand die 1400 Meter Hoehenunterschied mit zwei Liften und fuhr auf der laengsten Skipiste Suedamerikas (Tres Marias, 13 km).

auf der laengsten Piste Suedamerikas

Am zweiten Tag wollte ich mir die Diskussionen ersparen und bin erstmal alleine zur Mittelstation gefahren um das Brett fuer Paola zu organisieren. Ausserdem hatte ich am Vortag gesehen, dass es ein Package gibt: Wenn man Ausruestung und Skipass zusammen kauft/mietet, spart man 22 Franken.
Ich also zum gleichen Typen wie am Vortag und habe ihn gebeten, mir das selbe Board zu geben wie am Vortag. Das sei leider schon weg. Na ja, Pech gehabt. Der Angestellte wollte mir dann ein Board mit Clickbindung geben. Ich habe aber eines mit Softbindung gewollt, denn fuer eine Anfaengerin ist es sicher nicht das beste, mit einem komplett anderen Board zu fahren. Er hat dann ein Board umgeordnet und siehe da: Da war das Brett vom Vortag! Er war einfach zu faul gewesen. Hat sich dann auch noch drei Mal geweigert, mir die Schuhe in der gewuenschten Groesse rauszugeben…

Ich danach zur Kasse und habe das Package von Miete und Skipass gebeten. Der Kassier hat dann behauptet, das gaebe es nicht. Wir also zusammen die Liste studiert: Equipo & Pase del día.

Er: Ha, das gilt nur fuer Ski und Pass.
Ich: Und wo ist da der Unterschied? Ist ja wohl die selbe Arbeit fuer dich?!
Er: Ja, aber da steht “Ski” in Klammern und nicht Snowboard!
Ich: Das ist laecherlich!

Und hier der Prototyp der Gespraeche, wenn man in Chile als Kunde irgendwas verlangt:

Ich: Erscheint dir das nicht komisch/laecherlich/unfair/dumm?
Angestellter: Schau mal. Ich befolge die Regeln. Ich arbeite hier nur, ich habe die Regeln nicht aufgestellt.
Ich: Ok, dann will ich mit deinem Chef reden!
Angestellter: Der ist gerade nicht da. Der ist vor 5 Minuten gegangen (oder auch: ist heute nicht da.)

Habe dann also zaehneknirschend bezahlt und wollte mich bei der Administration beschweren. Aber ratet mal: kein Chef weit und breit!

Mit Paolas Brett unter dem Arm bin ich dann runtergefahren und auch unten nochmals bei der Skivermietung rumgemotzt. Der Vermieter verbringt die europaeischen Winter jeweils in Andorra und konnte meinen Frust verstehen. Er hat mir hinter vorgehaltener Hand erklaert, dass der Chef der Termas die Snowboarder nicht mag und alles macht, um sie wegzumobben… Na ja, bei mir scheint er Erfolg zu haben.

Paola hat weiterhin gute Fortschritte und viel Durchhaltewillen gezeigt.

Nebelmeer

Ich hatte dann mittlerweile auch irgendwas gefunden, was sich Chef schimpft und die Sache erklaert. Er dann nur mit der Standardantwort: “Das liegt nicht in meinem Verantwortungsbereich.”
Er hat mir aber nahe gelegt, ein Feedbackformular auszufuellen und in den Briefkasten zu werfen. Wenn das negativ ausfalle, gelange das auf den Schreibtisch des obersten Chefs. Auf meinen Einwand hin, dass ich das bezweifle, hat er mich nur mit grossen Augen angeschaut… so als ob ich ihm vorgeworfen haette, mein Silberbesteck gestohlen zu haben.
Nein, nein, wirklich. Reklamationen wuerden sehr ernst genommen.
Der Chef der Vermietung blieb aber weiterhin verschollen.

Am Ende des Tages fuellte ich dann trotzdem diesen Bogen aus, obwohl sich “der Chef” damit wohl nicht mehr als seinen Arsch abwischen wird. Begriffe wie Kundenschutz, Kundenzufriedenheit und gesunder Menschenverstand sind weiterhin selten zu finden in Chile.

Vulkangestein

Paola spuerte verstaendlicherweise saemtliche Knochen und Muskeln und wollte sich gerne in den Thermen entspannen. Die sind aber Bestandteil der Hotels und nicht oeffentlich zugaenglich. Wir fragten herum, ob man denn als Nicht-Gast nicht Eintritt zahlen koennte. Aber alle gaben uns den Tipp, einfach reinzuschleichen. “A lo chileno” eben.

Das ist irgendwie das Problem: Man fuehlt sich staendig irgendwie betrogen (Transantiago, Snowboardverleih usw.). Und was macht man dagegen? Man betruegt halt irgendwen anders. Der dann wiederum irgendwen anders uebers Ohr haut… etc etc. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich in Chile nicht alt werden will: Man kaempft dagegen an und wird frustriert… oder man macht dieses Spiel mit.

Wir haben aber trotzdem brav bei der Reception gefragt, ob wir in die Thermen duerfen. Ja, duerfen wir. Wir sollten einfach hinten beim Pool fragen. Haben uns dann im warmen Wasser gut erholt. Und bezahlt dafuer haben wir… nicht.

Das schlechte Gewissen wird mich sicher noch ewig plagen. Und das Schicksal bestrafte uns dann auch mit Regen.
Irgendwie mussten wir auch noch die 6 Kilometer zu unserem Hostal zuruecklegen, was ohne eigenes Auto oder oeffentlichem Bus ein bisschen schwierig war. Polizisten haben uns dann aufgepickt und vor die Haustuere gebracht.