Obwohl die Mehrheit der Chilenen niemals in Europa – geschweige denn im Ausland ueberhaupt – war, haben alle ein Vorurteil ueber die Schweiz (sofern sie die Schweiz nicht mit Schweden verwechseln): Die Schweizer sind “cuadrado”, was man am besten wohl mit kleinkariert uebersetzt. Und das Verblueffende: Sie wissen das, obwohl sie vorher noch nie mit einem Schweizer geredet haben!
Wenn ich aber taeglich in der Metro und im Bus die Leute in ihrem taeglichen Alle-gegen-alle-Kampf beobachte, wie sie rennend und griesgraemig sich vordraengelnd in die Metro zwaengen, dabei sich die Ellenboegen in die Maegen schlagen und nie ein Wort der Entschuldigung zu hoeren ist, dann braucht man schon seeeehr grosse Fantasie, die viel- und selbstgepriesene Latino-Lebensfreude und Offenheit zu erkennen.
Das Chaotische hat auch seine guten Seiten: Man parkiert einfach ueberall – Ausser im Parkverbot (existiert wirklich, und die Bussen sind saftig). Als meine Freundin gestern nach Hause kam, war allerdings alles zuparkiert und sie hat das Auto im Parkverbot parkiert.
Heute morgen, als ich um halb acht das Haus verliess, parkierten wir das Auto um, weil es nun mehr Platz hatte und stellten das Auto am Strassenrand ab, wie das Millionen andere auch tun. Aber so ein Typ kam wie von der Tarantel gestochen aus seinem Haus gerannt und verlangte, dass wir umparkieren, da dies “sein Parkplatz” sei. Ich bat ihn, mir das Schild zu zeigen, wo sein Name drauf waere. Er meinte, dass man ein Recht darauf habe, innerhalb 20 Metern um sein Haus zu parkieren. Wir: “Ja, dann passt es ja, wir wohnen gleich da vorne.” Er wurde nur noch aggressiver und sagte, wir koennten das Auto da lassen, aber es wuerde dem Auto “etwas” (una huea) passieren.
Ging dann zur Arbeit und da passte es gerade zu meiner Laune, dass so ein Typ mich dauernd anstarrte. Das ist an sich zwar nichts neues, aber da war ich wirklich nicht in der Stimmung. Ich starrte also zurueck und jeder normale Mensch wuerde wegschauen… aber nicht in Chile. Der starrte und starrte Loecher – Bis ich dann mich offensichtlich zu ihm rueberbeugte und ihn anstarrte.
Kurze Zeit spaeter schickte mir Paola eine Nachricht, dass sie in der Beifahrertuere des Autos eine Beule entdeckte, die ganz neu war! Der Fall war natuerlich klar, aber ohne Zeugen ein bisschen schwierig. Ausserdem nach dem Erlebnis mit dem gestohlenen Auto war auch klar, dass die Carabineros nicht die grosse Hilfe sein werden.
Nach der Arbeit hatte ich mir die Beule mal angeschaut und zufaellig kam der Nachbar auch gerade angefahren. Schon beim Aussteigen sah ich, dass er fast in die Hosen machte – Ich meine, was gibt es feigeres als eine Beule in ein Auto zu machen…?
Ich sagte ihm nur, dass ich keine Lust habe, mit ihm zu diskutieren und wir nun zur Polizei gingen um Anzeige zu erstatten. Danach koenne er dann via unserem Anwalt kommunizieren. Ausserdem haetten wir eine Zeugin. (Nicht wirklich – Nur eine Nachbarin, die aehnliche Erfahrungen mit dem Kerl gemacht hatte.)
Er wollte mir dann klar machen, dass es “in Chile” halt eine Regel gaebe. Neuzugezogene muessten den Befehlen den Alteingesessenen folgen! Das sei eine Frage von Moral und Respekt! Ich teilte ihm mit, dass seine Beulenaktion wohl kaum von Moral und/oder Respekt zeuge.
Aber eigentlich wollte ich auf diesen Bloedsinn wirklich nicht reagieren und ich kam ja nicht um zu streiten, sondern nur um ihm ein bisschen Angst zu machen… Habe dann auch noch demonstrativ meine Kamera hervorgeholt, um ein paar Fotos zu machen.
Wir waren dann schon bereit, zur Polizei zu gehen, als es an unsere Tuere haemmerte. Mal die Kette montiert und vorsichtig geschaut: Ah, perfekt, wir koennen den Weg sparen. Denn da waren sie ja schon, die Carabineros!
Der Paco hat dann in einem aggressiven Ton erklaert, dass es eine Beschwerde gaebe und wir das Auto umparkieren muessten. Es wuerde ausserdem schon Tage da stehen.
Wir haben ihm dann unsere Sichtweise erklaert und ihm wurde schnell klar, was wirklich abging. Aber auch er riet mir, den Widerstaenden auszuweichen, umzuparkieren und in Zukunft nicht mehr vor dem Nachbarshaus zu parkieren.
Ich fragte ihn dann, ob Chile so funktioniere, dass der Recht bekomme, der Gewalt und Drohungen anwende. Natuerlich sei das nicht so und riet uns trotzdem, auf eine Anzeige zu verzichten, da am Schluss eh Wort gegen Wort stehen wuerde. Und ausserdem koennte das fuer mich als Auslaender unangenehm werden.
Na ja, die Cops werden einen Bericht ueber diesen Einsatz schreiben. Deshalb verzichteten wir dann darauf, eine Anzeige einzureichen – was ja eh nutzlos waere. Das beste ist sowieso, Idioten zu ignorieren.
UND DER NAECHSTE CHILENE, DER MIR ERKLAEREN WILL, DASS SCHWEIZER “CUADRADO” SIND, KRIEGT EINE LUSTIGE GESCHICHTE ZU HOEREN!