Was macht man, wenn man was von Chile sehen will, aber weder Ferien hat noch ein langes Wochenende in Sicht ist? Man geht halt nur fuer zwei Tage.
Einem Normalschweizer, fuer den eine Reise von zwei Stunden schon wie eine Ewigkeit vorkommt, wird beim Betrachten der chilenischen Karte und deren Distanzen schon ein bisschen mulmig: Sechs Stunden in die naechst groessere Stadt im Norden (La Serena)? Fuenfzehn Stunden bis Patagonien? 24 Stunden bis ganz in den Norden? Als ich das im Reisefuehrer sah, dachte ich schon, ich wuerde so eine lange Busfahrt nicht ueberleben…
Einmal ausprobiert war es dann klar: Ist gar nicht so schlimm. Die Busse sind (meist) ziemlich neu und die Strassen gut. Und je nachdem, was man bereit ist zu zahlen, steht es dann auch mit dem Komfort im Bus. Die meisten Busunternehmen bieten die Kategorien Clasico/Ejecutivo, Semi-Cama und Cama an. Clasico oder Ejecutivo ist, was wir meistens aus Europa nur kennen: Vier Sitze in einer Reihe, ziemlich wenig Beinfreiheit. Semi-Cama (Halb-Bett) hat zwar auch vier Sitze in einer Reihe, aber deutlich mehr Platz fuer die Beine. Man kann auch die Ruecklehne ziemlich weit nach hinten runter lassen, ohne die Person dahinter zu stoeren.
Fuer Reisen laenger als acht Stunden empfiehlt es sich dann aber, die Top-Kategorie zu goennen: Cama. Hier kann man fast horizontal liegen. Auch hat man mehr Platz zur Verfuegung, weil es pro Reihe nur gerade drei von diesen Sesseln hat. Also fast luxurioeser als Business-Class fliegen
Ein weiterer Vorteil: Diese Busse fahren meist abends zwischen acht Uhr und Mitternacht los und kommen dann morgens frueh an. Also Freitag abends nach dem Arbeiten gemuetlich auf den Busterminal und so kommt man Samstag morgens gut ausgeruht am Zielort an und hat den ganzen Tag zur Verfuegung. Dann am Sonntagabend wieder auf den Bus, damit man am Montagmorgen vor sieben Uhr wieder in Santiago ankommt. Schnell duschen und auf geht’s zur Arbeit. So kann man zwei volle Tage irgendwo im Land geniessen.
Das Land ist in 13 Regionen geteilt, wovon viereinhalb noerdlich von Santiago liegen. Region I und II werden auch Norte Grande (der Grosse Norden), die Regionen III und IV Norte Chico (der kleine Norden) genannt. Ich wollte unbedingt den Norte Chico sehen, da da scheinbar die schoensten Straende von Chile zu finden seien. Und der Nationalpark Pan de Azúcar (Zuckerbrot) soll einer der schoensten von Chile sein.
Also buchte ich Bustickets in die Minenstadt Copiapó, 800 Kilometer noerdlich von Santiago und der Ausgangspunkt fuer diese Sehenswuerdigkeiten. Die Atacama-Wueste beginnt ja praktisch noerdlich von Santiago und Copiapó ist wie eine Oase darin gelegen. Trotz der Umgebung ist der Weinbau sehr wichtig fuer die Region.
Ich habe natuerlich auch Busfahrplaene von Copiapó studiert, aber auf Grund der beschraenkten Zeit habe ich mich entschieden ein Auto zu mieten… wobei, Autos gibt’s da praktisch keine. Alle fahren Pickups.
Wir haben auch noch einen deutschen Backpacker getroffen, der gerade von Norden her kam. Er wollte eine Tour in die Berge buchen, aber die Unternehmen hatten alle zu – Wochenende! Und das waehrend der Hochsaison… Manchmal sieht man schon, dass in gewissen Orten der (Massen-)Tourismus noch in den Kinderschuhen steckt. Finde ich aber gar nicht mal so schlecht.
Der Mechaniker vom Autoverleih hat uns einen Umweg empfohlen und anstatt die Bahía Inglesa hat er gesagt, Playa La Virgen – ein bisschen abseits vom Weg gelegen – sei viel schoener. Und er sollte Recht behalten.
Nach dem wir die Oase Copiapó verlassen hatten, fanden wir uns in Mitten von Sand und Steinen wieder. Habe das schon beim Trip nach San Pedro gedacht: Die Wueste ist ja so abwechslungsreich und interessant! Bald schon konnten wir am Horizont das tuerkisblaue Meer entdecken.
Und der Abstecher lohnte sich wirklich: tuerkisblaues, transparentes Wasser und weisser Sand.
Ich bin ja nun schon fast eineinhalb Jahre in Chile und war schon einige Male am Strand. Aber in’s Wasser habe ich es noch nie geschafft – “Dank” dem Humboldt-Strom ist das Meer in Chile sehr kalt. Auf Hoehe Santiago wird es im Hochsommer nicht mal 20 Grad warm. Also war die Idee, im Norden Chiles baden zu gehen.
Aber schon beim ersten Kontakt wurde mir klar, dass 800 Kilometer mehr im Norden nicht unbedingt heisst, dass das Meer deutlich waermer waere. Bin aber immerhin doch zum ersten Mal im Meer geschwommen und habe danach den Aufsichtstyp nach der Wassertemperatur gefragt: Heute sei es normale 15 Grad, es koenne auch schon mal 17 Grad werden. *brrrrrr*
An diesem Strand hatte es auch sechs kleine Bungalows und einen Zeltplatz. Die Bungalows waren natuerlich schon voll und das Zelt hatten wir zu Hause…
Nach einer Weile machten wir uns dann auf den Weg Richtung Norden nach Caldera/Bahía Inglesa. Die Strasse fuehrte an der Kueste entlang und es schien, als waere es alles ein riesiger Strand. Vereinzelt sah man Leute an absoluten Traumstellen campieren… Notiz an mich: Naechstes Mal unbedingt Zelt mitnehmen.
Schliesslich kamen wir dann in Bahía Inglesa an, einer der wichtigsten Touriorte der Region. Auch sehr schoen, aber viel mehr ueberlaufen. Viele Verkaufsstaende, Restaurants und was so dazu gehoert. Der Tipp vom Mechaniker war wirklich Gold wert: Bahía La Virgen war so viel friedlicher!
Nur wenige Kilometer fehlten noch bis Caldera, eine Hafenstadt mit Hotels und Restaurants, wo wir exzellenten Seafood und Fisch assen und auch uebernachteten.
Frueh am Sonntagmorgen machten wir uns dann auf der Panamericana auf in Richtung Norden. Kurz nach Caldera befindet sich ein Naturschutzgebiet, wo sich auf einer kleinen Insel vor der Kueste Seeloewen niedergelassen haben.
Die Panamericana fuehrte uns auf ihrer kurvigen Route an der Kueste entlang weiter nach Norden. Unglaublich, wie rechts von uns alles staubtrocken erschien, wo wir doch links den riesigen Pazifik sahen. Auch erstaunlich, wie die Wueste aenderte: Mal Steine, mal Sand, mal Felsen… immer wieder wechselte die Umgebung.
Bald kamen wir in Chañaral an, ein armes kleines Hafenstaedtchen, das den Eingang zum Nationalpark Pan de Azúcar darstellt. Der Park ist fuer seine Pinguin-Kolonie, die Kakteen und den Nebelwald bekannt.
Am Playa Amarilla (Gelber Strand) und am Playa Blanca (Weisser Strand) – zwei riesig grosse Straende – kamen wir in Caleta an. Das ist eine kleine Siedlung von Fischerleuten, die jetzt auch vom Tourismus profitieren. So bieten sie zum Beispiel eine Fahrt um die Insel Pan de Azúcar an, wo man die Humboldt-Pinguin-Kolonie besichtigen kann. Richtig, dieselben Pinguine, die ich schon in Punta Arenas gesehen habe.
Leider blieb uns fuer diesen Ausflug wie auch den Abstecher in den Nebelwald keine Zeit, da wir in Copiapó den Bus erwischen mussten. Wir haben es uns aber natuerlich nicht nehmen lassen, und haben feine Empanadas de Marisco gegessen.
Um nicht den selben Weg nehmen zu muessen wie bei der Hinfahrt, sind wir erst noch ein bisschen nordwaerts gefahren und dann ins Landesinnere abgebogen.
Ungefaehr alle 50 Kilometer fuhren wir durch ein Dorf. Unglaublich, wie abgeschieden man da lebt. Als wir ein bisschen durch die Doerfer liefen, sah man Leute aus den Fenstern schauen oder sie kamen zusammen und beobachteten uns. So haeufig scheinen sie nicht Touristen sehen zu bekommen.
Nach schlussendlich 520 gefahrenen Kilometern kamen wir wieder in Copiapó an, wo wir das Auto auftankten und zurueckgaben. Noch eine kurze Staerkung – Churrasco – und dann verliessen wir auch schon um 20 Uhr mit dem Bus Copiapó in Richtung Santiago.
Am Montagmorgen kamen wir kurz vor sieben Uhr an. Schnell mit dem Taxi nach Hause, duschen und dann zur Arbeit…
Viele Bilder von diesem Trip gibts in der Gallerie.