Archive for the ‘Typisch Chile’ Category

FONASA, ISAPRE und AFP

Wednesday, April 9th, 2008

Ich bin gerade krank und deshalb verspuere ich irgendwie Lust, mal was ueber die Krankenversicherung und die Pensionskassen in Chile zu schreiben.

In Chile bezahlen alle Leute gleich viel, naemlich 7% vom Bruttolohn, fuer die Krankenversicherung – sofern sie denn eine haben, denn obligatorisch ist das natuerlich nicht. Alle, die es sich leisten koennen, werden mindestens von der staatlichen Krankenversicherung FONASA (Fondo Nacional de Salud) versichert. Besserverdienende werden von den privaten Krankenkassen (ISAPRE – Instituciones de Salud Previsional) umworben. Wenn man schon 7% so oder so abliefern muss, schliesst man also mit einer privaten Krankenkasse einen Vertrag ab wo man eine bessere Versorgung kriegt als bei der staatlichen FONASA.

Wie so vieles andere in Chile sind auch die Pensionskassen privatisiert. Knappe 13% des Bruttolohnes werden jeden Monat an die AFP (Administradoras de Fondos de Pensiones) abgeliefert. Hier kann man dann auch noch zwischen fuenf verschiedenen Modellen waehlen, wo man einzahlen will. Fond A verspricht bis zu 30% Gewinn in 12 Jahren aber im schlechtesten Fall hat man zu dem Zeitpunkt nur noch 60% vom urspruenglich einbezahltem Geld. So wird das dann nach Risiko abgestuft bis Fond E, wo man weder verliert noch was gewinnt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie viel Geld ich aus meinem Fond A zurueck kriege…

Exotisch

Wednesday, March 19th, 2008

Nach mehr als eineinhalb Jahren in Chile faellt es mir nicht mehr so auf, wenn mich Leute anstarren. Gehe ja ganz gewoehnlich wie alle anderen zur Arbeit und bin Abends nicht unbedingt an Touristenorten (gibt’s die ueberhaupt in Santiago?), sondern wo Einheimische hingehen. Fuehle mich eigentlich gut integriert.

Ab und zu kommt es aber vor, dass wildfremde Leute mit mir reden wollen und mich willkommen in Chile heissen. Ich sage ihnen dann auf spanisch, dass ich eigentlich ganz langweilig hier wohne und arbeite und das auch schon fast zwei Jahre. Die Chilenen stoeren sich nicht daran und heissen mich trotzdem – oder eben deswegen – nochmals willkommen.

ChoripanLetzten Sonntag machten wir unsere Einkaeufe auf dem Markt und als wir Hunger hatten, wollten wir ein Choripan essen. Ich bestellte meinen mit wenig Zwiebeln und ohne Mayonnaise. Der Verkaeufer: “Ja, ich weiss.” Ich habe ihn nur voellig ueberrascht angeschaut. Woher kann der das wissen? Fuer mich war er ein voellig Fremder.
Er hat mir erklaert, dass er mir schon einmal an der Metrostation Quinta Normal ein Choripan verkauft habe und ich schon damals mit wenig Zwiebeln und ohne Mayonnaise bestellt haette.
Ich habe mir ueberlegt, wann das gewesen sein soll. Das muss so irgendwann vor sechs Monaten gewesen sein, denn ich bin ziemlich sicher, nur einmal Choripan auf der Strasse gegessen zu haben. Und der Verkaeufer wird sich kaum an alle Leute erinnern, die je bei ihm etwas gekauft haben… irgendwie unheimlich ;)

Wenn mich also Leute fragen, ob ich mich je einmal hier heimisch fuehlen koennte, erzaehle ich ihnen Geschichten wie diese und dass ich bin an’s Lebensende in Chile aus der Menschenmenge heraussteche wie ein bunter Hund.

Arbeitsleben, eine weitere Story

Wednesday, February 27th, 2008

pisco_bau1.jpgSchon ein paar Jahre gehoert Bauzá zu den Kunden meiner Freundin. Sie ist unter anderem verantwortlich fuer das Design der Flasche und der Verpackung des Vorzeigeproduktes des Unternehmens, des Piscos – das Webseiten-”Design” hat allerdings jemand anderes verbrochen.

Bauzá stellt sich auf dem Markt gerne als Produkt fuer die Oberklasse dar und hebt sich auch preislich von den anderen Pisco-Produzenten ab.

Das heisst natuerlich nicht, dass sie fuer das Design viel Geld ausgeben wollen. Immer wieder rufen sie an und sagen schon im ersten Gespraech, wie viel im Budget fuer das Design vorgesehen ist. Und leider, leider, wirklich ganz ehrlich liege mehr ganz einfach nicht drin. Aber es sei ein riiiiesiges Projekt in der Pipeline, wo meine Freundin dann den Auftrag kriege.

Paola hat auch schon unter Hinweis auf die momentane Arbeitsbelastung auf andere Design-Bueros verweisen wollen. Bauzá wollte aber immer exklusiv mit ihr arbeiten – das Design gefaellt ihnen scheinbar, sie wollen nur keinen angemessenen Preis bezahlen.

Die Geschichte hat sich nun schon ein paar mal wiederholt, immer mit treuem Hundeblick den tiefen Preis mit dem Ausblick auf ein grosses Projekt in der Zukunft gerechtfertigt.

Vor ein paar Tagen ein weiterer Anruf von Bauzá: Wir wollten dir nur mitteilen, dass wir unser naechstes Projekt mit Capel - einer der groessten Pisco-Produzenten Chiles – mit einem anderen Design-Buero machen werden! Wir moechten allerdings noch schnell bei dir vorbei kommen und ein paar Kopien von alten Design-Entwuerfen mitnehmen…

Die Muehlen mahlen langsam…

Thursday, February 21st, 2008

Als wir im August unsere neue Wohnung angeschaut haben, sind mir an einer Wand braune Flecken aufgefallen. Von der Vermieterin habe ich verlangt, dass diese Schimmelflecken behandelt werden, bevor wir einziehen. Kein Problem…

Bei der Vertragsunterzeichnung ist mir dann aufgefallen, dass als Miete 250.000 CLP eingetragen waren. Ich wies die Vermieterin darauf hin, dass es in der Anzeige 240.000 CLP geheissen hatte. Dummerweise habe ich aber natuerlich keinen Ausdruck der Anzeige gehabt und die Vermieterin hat gebettelt, es waere sowieso ein Fehler und es sei schon immer 250.000 gewesen blablabla.
Ich habe dann nachgegeben. Sind ja nur etwa 25 Franken mehr – trotzdem habe ich mir dann gesagt, bei jedem Mangel sofort die Vermieterin anzurufen und um Behebung zu bitten.

Die “Behandlung” des Schimmelfleckens bestand darin, das braune Zeugs abzuschaben und mit weisser Farbe zu uebermalen. Nach wenigen Wochen war die ganze Rueckwand der Wohnung wieder mit braunen Flecken uebersaeht. Also noch im September angerufen und nach etwa 10 weiteren Anrufen hat sie sich das mal angesehen und Besserung versprochen. Wieder passierte natuerlich genau nichts bis die Vermieterin mal ausnahmsweise ein Telefonanruf beantwortete und meinte, das sei gar nicht ihre Schuld, sondern die des Nachbarn und sie werden sich irgendwann vor dem Friedensrichter treffen und schon im Maerz(!) wuerde der Schaden behandelt.

Zwischendurch machte auch Telefónica wieder mal Aerger: Nach Wochen in Betrieb war es ploetzlich unmoeglich, auf Handys anzurufen. Bei Telefónica nachgefragt wurde uns mitgeteilt, dass unsere Nummer gar nicht auf uns angemeldet sei, sondern auf irgendeine María Blablabla und dies sei uebrigens schon seit Jahren so! Unseren Einwand, dass wir diese Nummer seit ein paar Wochen nutzen, nahmen sie nicht ernst. Und ueberhaupt, nur die Besitzerin des Hauses – also unsere Vermieterin – koenne bei ihnen eine Reklamation durchfuehren.
Also haben wir wieder mal Madame bemueht und ihr auch diese Aufgabe uebertragen. Jaja, gleich morgen wuerde sie da anrufen.

Mittlerweile hatten wir von Nachbarn erfahren – das Gerede im Quartier ist schlimmer als in einem schweizer Bergdorf… jeder weiss alles ueber den anderen – dass die Vermieterin den Gerichtstermin verpennt habe. Und die Loesung des Schimmelproblems steht damit natuerlich in den Sternen.

Tja, und seit langem haben wir genau gar nichts mehr von ihr gehoert. Die Fakten, dass wir immer noch keine Handys anrufen koennen und es immer noch schimmelt, weisen darauf hin, dass sie genau gar nichts macht. Nicht mal unsere Telefonanrufe nimmt sie an oder ruft zurueck.

Also haben wir mal mit der Mietzahlung gewartet, mit der Hoffnung, wieder mal was von ihr zu hoeren…
Vorgestern ist meine Freundin in den Quartierladen gegangen und von einer Nachbarin darauf angesprochen worden, dass sie gehoert haette, dass wir unsere Miete nicht zahlen! Mir ist zwar absolut raetselhaft, woher die das weiss, aber scheinbar redet die Vermieterin lieber mit den Leuten im Quartier als mit uns…

Na ja, werde heute mal 200.000 CLP einzahlen, vielleicht hoeren wir dann ja mal was von ihr.

Arbeiten in Chile: Ein Beispiel

Monday, February 4th, 2008

Stellt euch mal vor, ihr arbeitet an einem Produkt. Jedes Jahr kommt dieses Produkt in ueberarbeiteter Form auf den Markt. Es faengt gut an, der Erfolg wird groesser und was mit nationalem Vertrieb angefangen hat, wird auf den ganzen Kontinent ausgeweitet. Anfangs gab es ein Produkt, nun eine ganze Palette von Abwandlungen dieses Produktes.

Ein voller Erfolg.

Das Problem ist, dass ihr Freelancer fuer eine grosse Firma seid, die die Rechte an diesem Produkt hat. Der erste Auftrag war etwas knapp kalkuliert und deshalb fragt ihr nach einem Jahr um mehr Geld. Keine Frechheit, nur zehn Prozent. Stichwort Teuerung, Anteil am grossen Erfolg, Anerkennung oder einfach nur ein fairer Preis. Die Antwort ist jedes Mal gleich: Nein. Und wenn ihr das fuer dieses Geld nicht macht, dann droht die Firma mit einem Ersatz, der fuer diese Summe dieselbe Arbeit machen wird.

Im dritten Jahr, wo es also um die Aushandlung fuer das vierte Jahr geht, fragt ihr wieder um eine zehnprozentige Erhoehung. Die Preise steigen weiter, der Winter war hart, saemtliche Waren sind teurer geworden – wir sprechen ja von einer Periode von vier Jahren.

Die Antwort: Das sei eine Unverschaemtheit. Der Preis bleibe gleich und wenn ihr nicht zusagt, werden auch alle anderen Vertraege, die ihr mit dieser Firma habt, gekuendigt. Ihr verlangt den Chef und auch der bleibt hart und will keinen lumpigen Peso drauflegen.

Auf eine Nachfrage eine Woche spaeter meint der Boss, dass dem Hausjurist der Vertrag vorliege und man ihn auf eine vorzeitige Aufloesung pruefe. In Wirklichkeit aber spielt der Chef wahrscheinlich nur auf Zeit, denn er sieht seinen eigenen Lohnanstieg gefaehrdet.

In der Zwischenzeit ruft die zustaendige Person der Firma an und schreit am Telefon: Dass du mit uns arbeiten kannst, damit tun wir dir einen Gefallen! Und ueberhaupt, man habe ja selbst Zulieferer. Dann gebe man denen halt weniger Geld, dann bliebe unter dem Strich mehr fuer sich selbst!

Dass diese Mitarbeiter weder per Telefon noch per Email kontaktierbar sind, weil sie die letzte Telefonrechnung nicht zahlen konnten, ist nur ein Detail.

Schliesslich wird dann unter Zaehneknirschen dieser Ungeheuerlichkeit nachgegeben – Die schmutzigen Spiele sind aber noch nicht zu Ende. Denn schliesslich muss man es diesem frechen Arbeiter ja noch zurueck zahlen.

Mittlerweile steht Weihnachten vor der Tuer und ihr moechtet langsam eure Rechnungen zahlen, wieder mal das Noetigste oder natuerlich Geschenke kaufen. Die Bezahlung der ersten Rate von Ende November wird unangekuendigt auf Anfang Dezember verschoben – Ein altbekanntes Spiel. Aber auch dann ist der Weg umsonst – Aber am 17. Dezember soll es nun wirklich so weit sein: Aber statt der versprochenen 5000 Franken sind es nur 200 Franken! Wir koennen dir nicht mehr zahlen – EHRLICH!

Nach einer Streikdrohung ist es dann am naechsten Tag doch soweit und du kannst das versprochene Geld abholen und auch an deine Mitarbeiter verteilen.

Immerhin geben sie dir den Scheck einfach so – ohne dass du ihnen die Fuesse kuesst.