Archive for the ‘Typisch Chile’ Category

Notruf 133

Saturday, January 12th, 2008

Was macht man, wenn man dringend mit der Polizei reden will? Man ruft den Notruf! In Chile ist das die Nummer 133.

Also zum Beispiel, wenn dein Auto geklaut wird. Problem: Niemand nimmt ab. Da keine Zeit zu verlieren ist, muss man also das Taxi zum Polizeiposten nehmen, denn jede Minute koennte zaehlen… wie das dann weitergegangen ist, koennt ihr im verlinkten Blogpost lesen. Und seither ist betreffend geklautem Auto nie wieder was passiert. Pech, in Santiago werden ja auch mehr als nur unser Auto geklaut.

Andererseits leben im Haus gegenueber ungefaehr 10000 Leute. 24 Stunden am Tag gehen die Leute ein und aus. Schluessel gibt es scheinbar auch keine, denn wenn man rein will, muss man an die massive Holztuere oder an die Fensterscheiben klopfen. Und wie gesagt, das 24 Stunden am Tag.
Das eigentliche Problem sind aber die Alkis, die da auch wohnen. Sind jeden Tag besoffen, lallen, schreien, streiten. Und was ich auch gemerkt habe: Fenster, die nicht gegen Kaelte schuetzen, nuetzen auch nichts gegen Laerm von der Strasse. Wenn also jemand vor unserem Haus Laerm macht, haben wir das praktisch ungefiltert in der Wohnung.
Aber ja, man gewoehnt sich ja und passt sich an. Als dann die Besoffenen aber begannen, mit Bierflaschen massenweise um sich zu werfen und das vor allem auch in Richtung unseres Hauses, wars dann mit meiner Ruhe vorbei: Wieder probierte ich, 133 anzurufen. Ist ja nicht so, dass die Leitungen besetzt waeren. Nein, es nimmt einfach niemand ab.
Es gibt ja noch die Seguridad Ciudadana, der Sicherheitsdienst des Staats. Also probierten wir unser Glueck da. Aber natuerlich erklaerten die uns, dass sie dafuer nicht zustaendig seien… wir muessten die Seguridad einer anderen comuna anrufen. Die Frage, ob sie uns gleich noch die Nummer der anderen Seguridad geben koenne, beantwortete sie mit: “Nein, das ist nicht mein Job.” Wow, dieser Frau sage ich grosse Karriere im Kundendienst einer grossen chilenischen Firma voraus. Sie koennte zum Beispiel die Schulung der Angestellten uebernehmen.
133 stellte sich immer noch tot und den Besoffenen gingen nach einer gewissen Zeit auch die Flaschen aus. Denn immerhin kann man hier richtige 1-Liter-Bierflaschen kaufen, nicht so Baby-3dl-Flaeschchen. Das Arsenal ist dann nicht ganz so gross und die Wurfweite auch entsprechend kleiner.

Letzte Nacht gabs dann in der Nachbarschaft ein Fest. Lustig wurde es dann, als sie nach Mitternacht die Band samt Schlagzeug auf die Strasse versetzten.
Nennt mich einen Spiesser, aber um 4 Uhr morgens probierte ich einmal mehr, 133 zu erreichen. Tuuut, tuuut, tuuut, tuuut, tuuut , tuuut , tuuut , tuuut. Auch die Seguridad Ciudadana machte auf tot.
Um 6 Uhr 30 wurde es dann langsam still draussen, aber bis dahin war weder 133 erreichbar noch kam die Polizei vorbei. Wahrscheinlich ging einfach der Alk aus…

So, ich muss mal weg. Kaufe mir einen Baseballschlaeger zur Selbstverteidigung… ;)

Chilenische Musik – Teil III

Thursday, January 10th, 2008

Im letzten Teil geht es um die Bands, die ab den 1980ern gegruendet wurden und groesstenteils heute noch bestehen.

Los Prisioneros ist eine Band, die sich waehrend der Diktatur gegruendet hat und sich daher den passenden Namen “die Haeftlinge” verpasste. Wie die Bands der 60er Jahre sangen sie gesellschaftskritische Songs, aber in Rock und New Wave verpackt.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=2uPVUhHfAuw[/youtube]

In Concepción, also im Sueden Chiles. gruendeten drei Studenten die Band Los Tres. Spaeter stiess noch Ángel Parra – ein Gosskind der Legende Violeta Parra – dazu, doch der Name “Die Drei” wurde beibehalten und die Band wurde eine der erfolgreichsten Chiles ueberhaupt.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=n-S7_f_kBXs[/youtube]

Ebenfalls New Wave/Rock spielen La Ley (das Gesetz). Auch sie waren sehr erfolgreich, haben Grammys gewonnen und bei MTV eine Unplugged-CD aufgenommen. Sie gingen zuletzt 2005 auf grosse Suedamerikatournee und trennten sich danach – liessen eine Wiedervereinigung aber offen.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ZW9GvDNC8Sw[/youtube]

Pioniere des Funk, Hip Hop und Soul in Chile und ganz Suedamerika sind die Los Tetas
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=28WdtLHF2nM[/youtube]

Die bekannteste Reggaeband ist sicher Gondwana, die auch in den USA und Jamaika – dem Ursprungsland des Reggae – grosse Erfolge feiern konnten.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=qvTlyAU0F8o[/youtube]

Aus den 90ern stammt die Band Los Bunkers die sich nach eigenen Angaben von den Beatles inspirieren liessen, aber auch chilenische Folklore in ihre Stuecke einfliessen lassen. Wie Los Tres stammen sie aus Concepción, also eine der wenigen Bands, die nicht aus Santiago sind.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=wmV4ON0GgQY[/youtube]

Auch Lucybell kann englische Einfluesse nicht abstreiten. Unbedingt reinhoeren!
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=UJlkan6ErvU[/youtube]

Eher funkig spielen Chancho en Piedra, die auch durch ihre lustigen Text auffallen. Ihren Namen haben sie von einer scharfen chilenischen Sauce und vergleichen sich auch haeufig mit den Red Hot Chili Peppers.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=tDdEBPJuJ3k[/youtube]

Seit der Trennung von La Ley ist dessen Saenger Beto Cuevas erfolgreich alleine unterwegs.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ervaIPsmTYw[/youtube]

Chico Trujillo und seine Band spielen Ska, Cumbia und Rock. Chico ist teilweise in Deutschland aufgewachsen und ist deshalb auch oft in Europa auf Tournee.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=TdQRm6yTXYI[/youtube]

Cumbia spielen auch La Sonora de Tommy Rey oder einfach Tommy Rey.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=HMXmE1Ro9JQ[/youtube]

Die angesagteste Teenieband ist Kudai, die 2007 von MTV Lateinamerika als “Beste Pop Artisten” ausgezeichnet wurden.
Und wenn mich nicht alles taeuscht wurde das folgende Video in Portillo gedreht, also kurz vor dem Passuebergang zwischen Santiago und Mendoza/Argentinien.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Ts432MdKaFA[/youtube]

Chilenische Musik – Teil II

Thursday, January 3rd, 2008

…oder auch: “Die Legenden”.

Die Legende ist sicher Violeta Parra. Nicht nur als Musikerin, sondern auch als Malerin, Bildhauerin, Stickerin, Töpferin machte sie sich einen Namen. Und muesste ich ein Lied auswaehlen, das fuer mich stellvertretend ist fuer Chile, ich wuerde ihr “Gracias a la vida” nennen.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=UW3IgDs-NnA[/youtube]
Violeta Parra war auch die Vorreiterin in der Bewegung Nueva Canción Chilena (Neue Gesangsbewegung Chiles), die sich in den 1960er und 1970er Jahren um eine Wiederbelebung der chilenischen Folklore sorgte. Die Musiker reisten im ganzen Land herum und (wieder-)entdeckten Volksmusik, der sie neue Texte – meist Gesellschaftskritik und vor allem Kritik an der Regierung – versahen.
Viele dieser Musiker waren Sozialisten oder Kommunisten.

Von Violeta Parra inspirieren liess sich auch Víctor Jara. Er setzte sich im Wahlkampf fuer Salvador Allende ein und schaffte sich damit auch viele Feinde. Er konnte sich nach dem Putsch nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen und wurde fuenf Tage gefoltert und mit gebrochenen Haenden und 44 Schuessen im Koerper und gefunden.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ONIZuiUKPII[/youtube]

Inti Illimani – ebenfalls eine Gruppe des Nueva Canción – befand sich zum Zeitpunkt des Putsches gerade auf Europatournee und durften bis 1989 nicht in Chile einreisen, da auch sie sich stark fuer Allende im Wahlkampf eingesetzt hatten. Durch viele Tourneen und die chilenische Solidaritaetsbewegung wurden sie in der ganzen Welt bekannt und bestehen – in anderer Zusammensetzung – immer noch.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=-Doqe4fDgI8[/youtube]

Die Gruppe Illapu stammt aus dem Norden Chiles und sangen viele Protestsongs, wurden aber zunaechst in Chile geduldet. Als sie aber 1981 von einer Auslandtournee wieder einreisen wollten, wurde ihnen dies verwehrt und bis zu ihrer Rueckkehr hielten sie sich in Mexiko im Exil auf. 1988 konnten sie wieder einreisen und treten bis zum heutigen Tag immer noch auf.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=NL6uFnOP-ck[/youtube]

Auch Quilapayún wurde in den 1960ern gegruendet. Sie tourten mit Víctor Jara und waren waehrend der Diktatur in Frankreich im Exil. Ihr bekanntestes Lied ist sicherlich “El pueblo unido jamás será vencido” (das vereinigte Volk wird nie besiegt werden).
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=KRH0uYgK2QQ[/youtube]

Los Jaivas gaben an, von Pink Flyod inspiriert worden zu sein und spielen daher eher Rockmusik, also etwas anders als die oben vorgestellten Legenden. Auch sie waren im Exil, in Argentinien und Frankreich. Die verstorbenen Bandmitgliedern wurden durch ihre Kinder ersetzt und treten in dieser Zusammensetzung auf.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=kF47V1kgnbY[/youtube]

Im Teil III werden dann die Helden der 80er bis heute vorgestellt…

Chilenische Musik – Teil I

Saturday, December 29th, 2007

Bei meinem Abschiedsfest im September 2006 in der Schweiz wollte ich eigentlich neben chilenischem Essen auch chilenische Musik spielen. Ich konnte immerhin Empanadas auftreiben, aber bei der Musik blieb ich ratlos. Chilenische Musik? Keine Ahnung…

Grund genug also, hier mal die chilenische Musik vorzustellen. Zuerst die traditionellen Stile:

  • Cueca[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=kmc6xMjQikg[/youtube]Cueca ist so chilenisch so wie das Jodeln schweizerisch ist.
  • Cumbia[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=V5oXXPbZ0kU[/youtube]Cumbia hat seinen Ursprung zwar in der Karibik, aber in praktisch allen lateinamerikanischen Regionen gibt es eine eigene Form, die durch die Folklore der Laender beeinflusst wird. Die chilenische Cumbia wird auch Cumbia Andina genannt.
    Das Video wurde uebrigens in Valparaiso aufgenommen.
  • Reggaeton[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=HA9mmDg76j8[/youtube]Passt hier eigentlich nicht wirklich rein, aber Reggaeton ist unter den Jungen sehr beliebt. Es gibt kaum ein Auto oder ein Disco in Chile, aus denen nicht die Baesse des Reggaeton droehnen. Reggaeton ist – vereinfacht gesagt – eine Mischung aus Reggae und Hip-Hop und hat seinen Ursprung in Puerto Rico, woher auch die meisten Interpreten stammen.

Soviel zu den Musikstilen, in Teil 2 werden die Altstars der chilenischen Musik vorgestellt…

Vorurteile

Thursday, November 8th, 2007

Obwohl die Mehrheit der Chilenen niemals in Europa – geschweige denn im Ausland ueberhaupt – war, haben alle ein Vorurteil ueber die Schweiz (sofern sie die Schweiz nicht mit Schweden verwechseln): Die Schweizer sind “cuadrado”, was man am besten wohl mit kleinkariert uebersetzt. Und das Verblueffende: Sie wissen das, obwohl sie vorher noch nie mit einem Schweizer geredet haben!

Wenn ich aber taeglich in der Metro und im Bus die Leute in ihrem taeglichen Alle-gegen-alle-Kampf beobachte, wie sie rennend und griesgraemig sich vordraengelnd in die Metro zwaengen, dabei sich die Ellenboegen in die Maegen schlagen und nie ein Wort der Entschuldigung zu hoeren ist, dann braucht man schon seeeehr grosse Fantasie, die viel- und selbstgepriesene Latino-Lebensfreude und Offenheit zu erkennen.

Das Chaotische hat auch seine guten Seiten: Man parkiert einfach ueberall – Ausser im Parkverbot (existiert wirklich, und die Bussen sind saftig). Als meine Freundin gestern nach Hause kam, war allerdings alles zuparkiert und sie hat das Auto im Parkverbot parkiert.

Heute morgen, als ich um halb acht das Haus verliess, parkierten wir das Auto um, weil es nun mehr Platz hatte und stellten das Auto am Strassenrand ab, wie das Millionen andere auch tun. Aber so ein Typ kam wie von der Tarantel gestochen aus seinem Haus gerannt und verlangte, dass wir umparkieren, da dies “sein Parkplatz” sei. Ich bat ihn, mir das Schild zu zeigen, wo sein Name drauf waere. Er meinte, dass man ein Recht darauf habe, innerhalb 20 Metern um sein Haus zu parkieren. Wir: “Ja, dann passt es ja, wir wohnen gleich da vorne.” Er wurde nur noch aggressiver und sagte, wir koennten das Auto da lassen, aber es wuerde dem Auto “etwas” (una huea) passieren.

Ging dann zur Arbeit und da passte es gerade zu meiner Laune, dass so ein Typ mich dauernd anstarrte. Das ist an sich zwar nichts neues, aber da war ich wirklich nicht in der Stimmung. Ich starrte also zurueck und jeder normale Mensch wuerde wegschauen… aber nicht in Chile. Der starrte und starrte Loecher – Bis ich dann mich offensichtlich zu ihm rueberbeugte und ihn anstarrte.

Kurze Zeit spaeter schickte mir Paola eine Nachricht, dass sie in der Beifahrertuere des Autos eine Beule entdeckte, die ganz neu war! Der Fall war natuerlich klar, aber ohne Zeugen ein bisschen schwierig. Ausserdem nach dem Erlebnis mit dem gestohlenen Auto war auch klar, dass die Carabineros nicht die grosse Hilfe sein werden.

Nach der Arbeit hatte ich mir die Beule mal angeschaut und zufaellig kam der Nachbar auch gerade angefahren. Schon beim Aussteigen sah ich, dass er fast in die Hosen machte – Ich meine, was gibt es feigeres als eine Beule in ein Auto zu machen…?

Ich sagte ihm nur, dass ich keine Lust habe, mit ihm zu diskutieren und wir nun zur Polizei gingen um Anzeige zu erstatten. Danach koenne er dann via unserem Anwalt kommunizieren. Ausserdem haetten wir eine Zeugin. (Nicht wirklich – Nur eine Nachbarin, die aehnliche Erfahrungen mit dem Kerl gemacht hatte.)

Er wollte mir dann klar machen, dass es “in Chile” halt eine Regel gaebe. Neuzugezogene muessten den Befehlen den Alteingesessenen folgen! Das sei eine Frage von Moral und Respekt! Ich teilte ihm mit, dass seine Beulenaktion wohl kaum von Moral und/oder Respekt zeuge.

Aber eigentlich wollte ich auf diesen Bloedsinn wirklich nicht reagieren und ich kam ja nicht um zu streiten, sondern nur um ihm ein bisschen Angst zu machen… Habe dann auch noch demonstrativ meine Kamera hervorgeholt, um ein paar Fotos zu machen.

Auto 1

Auto 2

Auto 3

Wir waren dann schon bereit, zur Polizei zu gehen, als es an unsere Tuere haemmerte. Mal die Kette montiert und vorsichtig geschaut: Ah, perfekt, wir koennen den Weg sparen. Denn da waren sie ja schon, die Carabineros!

Der Paco hat dann in einem aggressiven Ton erklaert, dass es eine Beschwerde gaebe und wir das Auto umparkieren muessten. Es wuerde ausserdem schon Tage da stehen.
Wir haben ihm dann unsere Sichtweise erklaert und ihm wurde schnell klar, was wirklich abging. Aber auch er riet mir, den Widerstaenden auszuweichen, umzuparkieren und in Zukunft nicht mehr vor dem Nachbarshaus zu parkieren.

Ich fragte ihn dann, ob Chile so funktioniere, dass der Recht bekomme, der Gewalt und Drohungen anwende. Natuerlich sei das nicht so und riet uns trotzdem, auf eine Anzeige zu verzichten, da am Schluss eh Wort gegen Wort stehen wuerde. Und ausserdem koennte das fuer mich als Auslaender unangenehm werden.

Na ja, die Cops werden einen Bericht ueber diesen Einsatz schreiben. Deshalb verzichteten wir dann darauf, eine Anzeige einzureichen – was ja eh nutzlos waere. Das beste ist sowieso, Idioten zu ignorieren.

UND DER NAECHSTE CHILENE, DER MIR ERKLAEREN WILL, DASS SCHWEIZER “CUADRADO” SIND, KRIEGT EINE LUSTIGE GESCHICHTE ZU HOEREN!